Frauen brauchen Männer (und umgekehrt)

Frauen brauchen Maenner und umgekehrt von Raphael BonelliDiese „Couchgeschichten eines Wiener Psychiaters“, so der Untertitel des Buches, ist ein Plädoyer für den (gar nicht so kleinen) Unterschied zwischen den Geschlechtern und deren komplementäre Ergänzung.

In Zeiten, in denen ganze Universitätsinstitute im Namen der Genderforschung den Unterschied nivellieren oder unter den Teppich kehren wollen, klingt der Titel anrüchig. Andererseits ist die Genderforschung notwendig, wenn sie sich um das bemüht, was der Name schon sagt: um das soziale Geschlecht. Das biologischen Geschlecht sollte sie denen überlassen, die was davon verstehen, und sogar die haben erst vor nicht allzu langer Zeit erkannt, wie sehr der Unterschied sogar in der Medizin bisher sträflich vernachlässigt wurde. Das biologische Geschlecht geht nämlich weit über die Sexualorgane hinaus, es umfasst auch das Gehirn (Größe und Struktur) und den ganzen Körper bis in die Zellstruktur.

Männer und Frauen haben verschiedene Stärken und Schwächen, werden unterschiedlich krank – so ist der Autismus eine eher männliche, die Depression eher eine weibliche Erkrankung – Medikamente wirken anders, die Symptome (etwa bei Herzinfarkt sind völlig andere). Die Liste lässt sich fortsetzen. 2001 gab die WHO eine Empfehlung heraus, Strategien gegen die Verdrängung des Unterschieds und für eine geschlechtsspezifische Gesundheitsvorsorge zu entwickeln. Das alles schildert der Autor umfassend und mit den aktuellsten Studien belegt.

Psychische und kognitive Unterschiede

Dass sich die körperliche und hormonelle Konstitution auch psychisch fortsetzt, ist nicht verwunderlich, so dass auch hier das biologische vor dem sozialen Geschlecht besteht. Die Unterschiede treten schon bei Neugeborenen zutage. Buben schauen intensiver auf Objekte, Mädchen auf Gesichter. Und das wäre auch schon die allgemeinste Definition des Unterschieds: Männer sind mehr objektbezogen, Frauen mehr personbezogen. Daher sind Frauen in der Empathie (wir reden immer von Durchschnittswerten) den Männern bei weitem überlegen. Frauen sind vielseitiger und stärker vernetzt, während Männer stärker fokussieren und zum Spezialistentum neigen. Auch im Negativen zeigt sich der Unterschied: Essstörungen, Angst, Depression und z.B. Borderline-Störungen sind „weiblich“, Autismus, ADHS, Narzissmus und z.B. Sexualstörungen sind „männlich“.

Die Unterschiede setzen sich im kognitiven Bereich fort. Auch hier sind es unterschiedliche Stärken: Frauen sind im Vorteil, wenn es darum geht, ein Problem im Gesamtkontext, inklusive Vernetzung mit der Umgebung zu erfassen und lebensnah zu managen. Die Stärke der Männer liegt hingegen in der Fokussierung auf Detailprobleme, alles andere auszublenden und das Problem abstrakt zu lösen. Männer denken distanziert, linear und fokussiert, Frauen mehr persönlich, vernetzt und assoziativ. Natürlich überlappen sich die Eigenschaften in der üblichen statistischen Weise, und das Schwarz-Weiß-Denken ist längst überholt. Männer ticken anders, Frauen auch, und insgesamt begegnen sie einander auf Augenhöhe.

Dass die psychologischen und kognitiven Unterschiede sich in verschiedenen Kulturen gleichen, spricht auch dafür, dass diese Unterschiede konstitutionell und nicht anerzogen sind. Außerdem verhalten sich Mädchen als Mädchen, bevor sie wissen, dass sie ein Mädchen sind; Buben ebenso. Auch das leidige Thema der Berufswahl lässt sich erklären. Männer arbeiten lieber sachbezogen, Frauen lieber personenbezogen. Dabei tritt etwas ganz Erstaunliches zutage: „Die größten psychologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern finden sich in den Ländern, die sich der Geschlechtergleichheit verschrieben haben.“ Eine Vorreiterrolle haben hier die skandinavischen Länder, und trotzdem entscheiden sich die Menschen dort vermehrt für geschlechtstypische Berufe. Wenn Männer und Frauen frei wählen können, entscheiden sie sich ihren unterschiedlichen Interessen und Fähigkeiten entsprechend.

Die Genderproblematik

Natürlich darf das Thema Gender nicht ausgeklammert werden. Das soziale Geschlecht ist ein realer Faktor und führt zu den bekannten Stereotypien, denen begegnet werden muss. Aber Gender hebt das biologische Geschlecht nicht auf, sondern kommt zu diesem hinzu und verzerrt es des öfteren. Historisch folgt, so Bonelli, auf die Verdrängung der Sexualität im 19. Jahrhundert die Verdrängung der geschlechtlichen Konstitution im 20. Jahrhundert. John Money, der den Begriff Gender etablierte, war fixiert darauf, dass der Mensch als geschlechtsloses Wesen auf die Welt kommt, und scheiterte mit einer versuchten Geschlechtszuschreibung/-umwandlung kläglich, verteidigte sein Experiment, das man (harmlos ausgedrückt) als Kunstfehler einstufen muss, auch noch, nachdem es mit dem Suizid des „Versuchsobjekts“ endete. Trotzdem sie davon wusste, behauptete Judith Butler, „sowohl das biologische Geschlecht (sex), als auch die Geschlechtsidentität (gender) seien ein Ergebnis des sprachlichen, historischen und politischen Kontextes“. Später wurde ihr vorgeworfen, das Anliegen der wirklichen Frauen verraten zu haben.

Komplementäre Ergänzung

Für Bonelli ist klar, dass man Sex und Gender nicht gegeneinander ausspielen kann, sondern beide zusammengenhören. Mann und Frau können und dürfen unterschiedlich sein und trotzdem gleiche Rechte besitzen und einander auf Augenhöhe begegnen. Dass das nicht immer harmonisch und auf Augenhöhe abgeht, illustriert der Autor an zahlreichen Fallbeispielen aus seiner psychotherapeutischen Praxis. Männer und Frauen haben jeweils „männliche“ und „weibliche“ Stärken und Schwächen in unterschiedlicher Ausprägung. Diese Unterschiede garantieren das erotische Prickeln, und bei Disharmonien die üblichen Probleme der Partnerbeziehung. Die „Lösung“ liegt immer darin, zu seinen Stärken und Schwächen zu stehen und sich dabei vom Partner ergänzen zu lassen. Weiters muss zur Erotik, die auf die Bedürfnisse abzielt, jene reife Entscheidung kommen, die nur auf Geben und auf das Du gerichtet ist und in der Antike „Agape“ genannt wurde. Aber auch hier gilt: es braucht immer beides.

Fazit: Das Buch ist eine solide Grundlage in der aktuellen Argumentation zum Thema Partnerschaft, Sex und Gender, angereichert mit den neuesten Studien. Dass man sich als Leser/in in den vielen Fallbeispielen da und dort selbst wiederfindet, liegt in der Natur der Sache. Die „Nebenwirkung“: Beim aufmerksamen Lesen können so manche Einsichten in die eigene/n Beziehung/en angestoßen werden, die mitunter weh tun, aber sehr heilsam sein können.

 

Raphael M. Bonelli

Frauen brauchen Männer (und umgekehrt)

Couchgeschichten eines Wiener Psychiaters

Kösel Verlag 2018, 352 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-466-34687-5
EUR 22,70

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