Moslems, Islamisten, IS – Christen, Wahrheitsbesitzer, Rechtsradikale

Für einen Artikel über die Situation im Nahen Osten inklusive der Auswirkungen auf Europa kann es nur eine überbordende Überschrift geben, so komplex ist die Situation und so differenziert sollte sie gesehen werden.

Leider wird sie das nicht, denn auch im 21. Jahrhundert fallen die meisten Menschen auf eine primitive Schwarz-Weiß-Malerei herein. So sehen Rechtsradikale und leider auch radikale Christen bloß die Gefahr, die vom Islam angeblich droht. Da werden Statistiken der Immigration bis 2050 hochgerechnet, mit dem Ergebnis, dass dann die Christen in Europa in der Minderzahl sein werden – ungeachtet der Tatsache, dass bis dahin viel Moslems integrierte Europäer sein werden. Und das ist noch der harmloseste Unsinn, der von dieser Seite verbreitet wird.

Heute wird den muslimischen Verbänden angekreidet, sie würden sich zu wenig von Islamisten und dem IS abgrenzen, diese zu wenig verurteilen – so als hätten sich Christen jemals vom Irrsinn in Irland distanziert. Die derzeitige politische Lage wird nach dem Schema des vorigen Jahrhunderts beurteilt: Hier der Westen, genauer die bösen USA, dort die Islamisten und Dschihadisten. Und um das ganze nochmal zu vereinfachen, sind an allem und jedem die USA schuld. Damit können dann auch die einfachsten Gemüter umgehen.

Das ist auch bis zu einem gewissen Grad nicht unbedingt falsch. Die Amerikaner haben überall in der Welt gezündelt und sich in Konflikte eingemischt, aber jetzt als Schreckgespenst die Weltverschwörung der USA zu beschwören, ist erstens Denken des vorigen Jahrhunderts, also nicht mehr so ganz zeitgemäß, es ist inzwischen alles viel komplexer geworden – und andererseits genau das, was Islamisten und der IS brauchen.
Die Amerikaner haben sich überall in der Welt eingemischt und unter George Bush mit dem Irakkrieg den Bogen weit überspannt. Das Problem jetzt ist aber eher das Gegenteilige: Aus Angst, denselben Fehler zu begehen, hat Barack Obama oder der Westen viel zu lange zugeschaut und den IS schalten und walten lassen.

Komplexe Interessen

Auf der anderen Seite ist die Sache so komplex wie nie zuvor. Es wird dort kein Krieg, sondern es werden Kriege mit den verschiedensten Fronten geführt, es ist inzwischen unmöglich, etwa in Syrien zwischen gemäßigten und radikalen Oppositionellen zu unterscheiden. Die umliegenden Staaten unterstützen diese oder jene Parteien mit Waffenlieferungen und Geldflüssen, sodass es sich letztlich um Stellvertreterkriege handelt. Assad verwendet die IS gegen die eigene Opposition, Erdogan fürchtet einen Kurdenstaat mehr als den IS, obwohl ihm der IS brandgefährlich werden kann. Saudi Arabien und Iran sehen sich damit konfrontiert, dass auch sie den Geist aus der Flasche gezüchtet haben. Das könnte das Gemeinsame der bisherigen Unterstützer fördern, und das ist auch die einzige Chance in der Region.

Es kann nicht mehr um ein Eingreifen des Westens gehen, sondern nur mehr darum, diese Staaten in eine Lösung einzubinden und die Bevölkerung von der Ideologie des IS wegzubringen. Die Strategie kann nur politisch, muss aber auch eine militärische sein, auch wenn dieser Krieg nicht militärisch zu gewinnen ist, denn jeder militärische Sieg des IS stärkt dessen Position, nicht nur in der Region, sondern auch, was den Zulauf aus Europa betrifft.

Westliches Denken im Sinkflug

In Europa wird verzweifelt eine Strategie gesucht, die Radikalisierung der Jugend und den Zulauf zu den Extremisten zu unterbinden. Andererseits wird diese Entwicklung durch eine undifferenzierte Islamophobie und blindes Durcheinandermengen von Islam, Islamismus, Terrorismus, Dschihadismus usw. noch verstärkt und mit dieser Denkverweigerung dem radikalem IS in die Hände gearbeitet. Rechtsradikale Parteien und fundamentalistisch-rechte Christen sind sich nicht bewusst, dass sie damit bloß Propaganda für die Islamisten und den IS machen.

Übersehen wird dabei geflissentlich, dass es ein Krieg von Moslems gegen Moslems ist, dass die überwiegende Mehrheit der Opfer Moslems sind, dass die Enthauptung von Christen und westlichen Journalisten nicht vom Koran motiviert, sondern reine politische Propaganda ist, auf die in Europa in erster Linie Rechtsradikale und rechte Christen hereinfallen, die damit genau das tun, was der IS mit ihnen bezweckt.

Was sich in Europa jetzt rächt, ist das völlige Fehlen einer politischen Bildung, wir leben mit moderner Hochtechnologie und dem für heutige Anforderungen primitiven Denken des 19. Jahrhunderts. Dessen simples lineares Denken ist völlig außerstande, die Komplexität der Welt, der Politik und des Menschlichen zu sehen und darauf zu reagieren. Wir teilen die Welt in Rechtsradikale und Gutmenschen, in die USA und den Rest der Welt – und sind damit völlig blind für die tatsächlichen Gegebenheiten. Und was das Schlimmste ist, wir fördern damit die radikalen Gruppierungen, die wir bekämpfen wollen. Wir fürchten die Islamisten und fördern sie mit absurden Verschwörungstheorien. Mit unserem Schwarz-Weiß-Denken machen wir letztlich Werbung für diejenigen, die wir zu bekämpfen glauben.

Denkansätze

Für diejenigen, die sich im Besitz der Wahrheit wähnen, wären einige Tatsachen wichtig zu reflektieren:

1. Multikulturalität ist natürliche Diversität, ohne die das Leben verkümmern müsste.

2. Xenophobie, die Angst vor dem Fremden, ist kein politisches oder soziales, sondern ein innerpsychisches Problem und damit ein Fall für den Psychotherapeuten.

3. Kriege sind nicht das Aufeinanderprallen von Gut und Böse (das wäre die psychische und symbolische Seite, die aber trotz C.G. Jung ohnehin noch kaum jemand beachtet), sondern komplexe Stellvertreterkriege, in denen verschiedenste Gruppierungen um verschiedenste Interessen, nämlich die jeweils eigenen, kämpfen.

4. Es geht dabei nie um Religion, sondern immer um den Missbrauch von Religion. Das ist im Nahen Osten nicht anders als noch vor kurzem in Irland.

5. Was Europa betrifft, werden wir kein einziges Problem durch Abgrenzung und Ausgrenzung lösen, sondern nur durch Zusammenarbeit und Dialog. Einen Kampf zwischen Christen und Moslems können beide nur verlieren. Die einzige Lösung ist die des gemeinsamen Vorgehens aller wirklich religiösen Gruppierungen gegen jene, die Religion missbrauchen. Und die gibt es am Rande aller Religionen.

6. Die Welt ist global geworden. Die Kriege im Nahen Osten oder der Hunger in Afrika oder die Drogenmafia in Südamerika, all das sind unser aller Probleme. Der Rückzug in nationales Denken ist dumm und absolut unzeitgemäß.

7. Die Welt retten wir nicht durch den Kampf gegen absurde Verschwörungstheorien, sondern durch die Beseitigung von Ungleichheiten. Wenn wir zulassen, dass die Schere zwischen Arm und Reich in der Welt weiter aufgeht, dann wird die Welt nicht zu retten sein, weil Krisenherde zur Normalität werden.

8. Das heißt aber auch, dass die Religionen mehr für den Frieden tun können als die Politik – wenn sie sich endlich ihrer „Ideologie“ entsprechend für die Menschen, für die Schwachen, für die Armen, für die Benachteiligten, für die Ausgegrenzten einsetzen. (Man beachte, dass in diesem Satz Menschen gemeint sind, und nicht -ismen wie in der Politik).

9. Was den Islam betrifft, hat es eine Blütezeit gegeben, die in Europa damals allseits anerkannt war. Wissenschaft, Mathematik, Algebra, Astronomie usw. kamen aus dieser Ecke. Die vergessene griechische Kultur, auf die wir heute so stolz sind und die unser Denken bis heute prägt, kam über die arabische wieder nach Europa. Ohne diese Entwicklung wäre Europa nicht das, was es heute ist.

10. Und bevor wir den Moslems unsere Aufklärung an den Kopf werfen – die beileibe nicht nur positive Seiten hat – sollten wir uns bewusst machen, dass das europäische Denken seit Ende des 19. Jahrhunderts völlig stagniert. Wir leben ganz gerne mit den technischen Errungenschaften der modernen Physik, aber dass diese und die Komplexität der heutigen Welt auch ein völlig neues Denken erfordern würde, ist bislang an uns vorbei gegangen. Die Xenophobie wird uns nur im Denken des 19. Jahrhunderts festhalten. Wenn es aber kein wirklich zeitgemäßes Denken gibt, werden wir auch die heutigen Probleme nicht lösen können.

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