Gegensätze und Komplementäres

Im gegenwärtig beherrschenden fragmentierenden Denken stellt sich immer wieder die Frage nach dem Ganzen – und da wieder nach einem abstrakten und einem lebendigen Ganzen. Davor aber die Frage, wie man mit Gegensätzen umgeht.

Dies ist die Welt der Dualität, sagen Esoteriker. Die gilt es zu überwinden, was für viele in einer Weltflucht (buchstäblich) endet. Andern Orts tobt ein Kampf zwischen Materialisten, Naturalisten, Wissenschaftsgläubigen und Religiösen, Spirituellen. An der Oberfläche ist es meist ein Krieg zwischen wissenschaftlichen und religiösen Fundamentalisten. Wir leben in einer Zeit der Polarisation, nicht nur zwischen Arm und Reich, sondern auch zwischen Weltbildern.

Der Streit hat verschiedene Dimensionen, nicht nur intellektuelle. Psychologisch steht dahinter ein Schwarz-Weiß-Denken, das zur Projektion neigt. Man vertritt selbst das Gute, die Anderen, Fremden immer das Böse. Das tritt ja aktuell in der Flüchtlingskrise wie eine Krankheit zutage. Dieses Denken neigt zu Extrempositionen, aus denen alle Grauwerte, alles dazwischen verschwindet.

Wenden wir uns diesen Grauwerten und Zwischentönen zu, dann sind wir in der Psychologie. Und die Psychotherapie hat es auch mit Extremen des Menschlichen zu tun, mit Neurotisierungen, Traumatisierungen und inneren Konflikten. Während das „wissenschaftliche“ Denken die Zeit in Standbilder zerlegt und analysiert, wodurch die Zeit selbst verloren geht, beschäftigt sich die Psychologie mit eben dieser Zeit in der Entwicklung des Menschen und seiner Konflikte. Eine Psychotherapeutin arbeitet daher weniger mit Begriffen als mit Mustern, Tendenzen, Überwältigendem. Nicht mit Fakten, sondern Deutungen. Die nicht „richtig“ sind, sondern stimmig sein müssen. Und zwar in erster Linie für den Klienten und nicht für den Therapeuten.

Damit sind wir bei einer anderen Dimension, der des Religiösen. Religion ist nicht Wissenschaft, da haben die naiven Atheisten um Richard Dawkins Recht. Sie muss daher auch nicht aus logischen Gründen von zwei Gegensätzen einen eliminieren. Es geht in der Bibel nicht wissenschaftlich, sondern menschlich zu. Auffällig ist, dass es in der Bibel von Anfang an um Gegensätze und Konflikte geht – wie im richtigen Leben. Kain und Abel, Jakob und Esau, Ägypten und das Gelobte Land. Oder um den verlorenen und den gebliebenen Sohn im Gleichnis vom barmherzigen Vater. Es geht um menschliche Dimensionen und Konflikte. Außerdem geht es um Zeit und Entwicklung.

Das Alte Testament wurde in einem Zeitraum von etwa 1000 Jahren geschrieben, und vieles, das immer wieder als Widersprüche angeprangert wird, ergibt sich schon daraus. Das „Aug um Auge“ war in einer Zeit, in der bei einem Mord der ganze Stamm des Mörders hingemetzelt wurde, ein ungeheurer Fortschritt. Die zehn Gebote kommen zweimal vor, in der ersten Version sind Frauen noch unter Hausrat und Tieren vermerkt, in der zweiten Version als Personen.

Wer religiöse Bücher so liest, wie sie zu lesen sind, nämlich als sich selbst betreffend, wird zugestehen, dass sowohl Abel, als auch Kain in ihm sind. Dass Ägypten, das Gelobte Land und die Wüste dazwischen die Zerbrochenheit des eigenen menschlichen Lebens darstellen. Und bei genauerem Hinsehen wird man feststellen, dass religiöse Schriften mehr Psychologie enthalten als psychologische Fachbücher. Was naive Religionskritiker natürlich ignorieren, weil sie auch die Psychologie verdrängen. Aber die Psyche ist das, was wir sind, alles andere – auch und vor allem das „Objektive“ – ist uns nur indirekt zugänglich.

Menschsein heißt, mit Gegensätzlichem umgehen zu müssen. Menschsein heißt, im Namen der Gerechtigkeit oder der Religion Kriege zu führen. Menschsein heißt, die über alles Geliebten zu verletzen, ohne es zu wollen. Menschsein heißt, sich zu entscheiden, das eine zu tun oder das andere, und in beiden Fällen jemanden zutiefst zu verletzen. Menschsein heißt auch, dass es vor Gericht um Recht, aber nicht um Gerechtigkeit gehen kann. Menschsein heißt, die eigene Endlichkeit und Begrenztheit anzunehmen, ohne die Ausrichtung auf das Unendliche zu verlieren.

In religiöser Sprache geht es dabei um das Irdische und das Göttliche. Beides letztlich in uns. Während wir diskutieren, kritisieren, spotten über das Religiöse, übersehen wir, dass es um etwas ganz anderes geht. Jesus ist, nach Lehre der Kirche, „wahrer Gott und wahrer Mensch“. Er ist ganz „beim Vater“ (was auch „Ursprung“ bedeutet) und ganz Mensch, in all seiner Endlichkeit und Gebrochenheit. Und er nennt die Menschen Brüder und Schwestern, was heißt, ihm „gleich“ zu sein. Heißt, auch unser Menschsein geht weit über das bloße Menschsein hinaus, umfasst in aller Endlichkeit und Gebrochenheit doch immer Endliches und Unendliches.  Dies zusammenzubringen, ohne das äußerste Gegensätzliche zu negieren, ist Aufgabe der Psychotherapie und in tieferer Dimension des Religiösen.

Psychotherapie will Widerstreitendes komplementär vereinen, was heißt, alles Menschliche anzunehmen, die menschlichen Abgründe nicht zu negieren, sondern zu integrieren. Religion zeigt nicht, was das Unendliche oder Gott ist – es ist nicht möglich, sich ein Bild davon zu machen – sondern was Menschsein bedeutet. Von der Geburt eines geistigen Funkens im Stall der menschlichen Abgründe über das Annehmen des Leidens an den Widersprüchen bis zur Auferstehung von den Toten, dem Bewusstwerden des Unbewussten, wodurch auch das Unterste „gehoben“ und integriert wird. Dazwischen liegen viele „Wunder“ der Verwandlungen, die Augen und Ohren öffnen und wieder beweglich, entwicklungsfähig machen.

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2 Gedanken zu “Gegensätze und Komplementäres

  1. Herr Harsieber, Sie bringen die im Alltag oft so schwer einsehbaren Verhältnisse und Lebensdinge so einfach und überzeugend auf den Punkt, dass Sie mit Ihrem philosophischen Ansatz in hohem Maße Verständigung ermöglichen und dies auf eine sympathische, geradezu menschenfreundliche Weise. Ich entdecke in Ihren Blogs eine Art therapeutischer Philosophie.

  2. Ganz herzlichen Dank! Ja, interessant, nachdem ich mich jahrelang, fast jahrzehntelang mit den logischen Konsequenzen der Quantenphysik beschäftigte, habe ich in den letzten Jahren entdeckt, dass Psychoanalyse und Psychotherapie sehr viel damit zu tun haben. Kann da die Bücher von Léon Wurmser sehr empfehlen, der wiederum Psychoanalyse, (v.a. tragische) Literatur und Philosophie verbindet.

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